Zur Genealogie des Schreibens

Die Literaturgeschichte der Schreibszene von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart

Die Kulturtechnik des Schreibens ist eine komplexe Tätigkeit, die verschiedene Elemente voraussetzt. Die Literaturwissenschaft hat sich bislang weitgehend darauf beschränkt, die Geschichte des Schreibens aus der Perspektive seiner Semantik und, damit verbunden, der Rhetorik und Poetik zu behandeln. Schreiben aber setzt sich neben der Sprache und dem pragmatischen oder performativen Wissen, wie mir ihr umgegangen werden kann oder soll (das ist die Sprachlichkeit des Schreibens), unabdingbar aus zwei weiteren Elementen zusammen: Um die in der Sprache formulierten Gedanken festhalten zu können oder als Handlungselemente wirksam werden zu lassen, braucht man Schreibwerkzeuge, also eine Technologie (das ist die Instrumentalität des Schreibens), deren Benützung spezifische Gesten, das heißt ein Training voraussetzt (das ist die Körperlichkeit des Schreibens). Diese drei sich beim Schreiben gegenseitig bedingenden Elemente - Körperlichkeit, Instrumentalität und Sprachlichkeit - bilden gemeinsam eine Szene, auf der sich alle drei als Quelle möglicher Widerstände darstellen können, die im Schreiben überwunden werden müssen. Diese 'Schreibszene' stellt die Frage nach ihrem Rahmen, ihren Rollenverteilungen und -zuschreibungen und ihrer Regie.

Das Forschungsprojekt "Zur Genealogie des Schreibens. Die Literaturgeschichte der Schreibszene von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart" untersucht in Einzelstudien die Literaturgeschichte der 'Schreibszene' von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Mit den Forschungsarbeiten, deren Ansatzpunkt in einem umfassenden Begriff des Schreibens liegt, versucht das Projekt in eine bislang erst wenig beachtete Dimension des Denkraums Literatur vorzustoßen: Deren Experimentier- und Entdeckungsfreudigkeit besteht nicht zuletzt darin, sich an den Voraussetzungen des eigenen Schreibens aufzuhalten, diese zu thematisieren, zu reflektieren und zu problematisieren. Diese Voraussetzungen ändern sich, abhängig vom medientechnik­historischen Stand der Dinge, durch die Erfindung des Buchdrucks (Vervielfältigung des Geschriebenen), der Schreibmaschine (Mechanisierung des Schreibens) und des Computers (Digitalisierung des Schreibens) jeweils mit weitreichenden Konsequenzen.

Das Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Stingelin wurde vom 1. Oktober 2001 bis 30. September 2007 vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert (Mitarbeit: Dr. Davide Giuriato und Dr. Sandro Zanetti, Deutsches Seminar der Universität Basel) und wird seit 1. Oktober 2007 am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Dortmund weitergeführt (Mitarbeit: Dr. Matthias Thiele und Dr. Claas Morgenroth).